Bericht zum Vortrag von Lutz Pepping

Für mich als Mutter einer hörgeschädigten Tochter ist es immer wieder spannend, Geschichten von erwachsenen Hörgeschädigten zu hören. Da Lutz Pepping, der erste Referent auf dem diesjährigen Treffen des Bundeselternverbandes hörgeschädigter Kinder, auch noch den gleichen Beruf wie ich ausübt, nämlich Lehrer, war es für mich doppelt spannend.

Thema seines Vortrages war „Ja zu Inklusion und Förderschule“. Anders als erwartet erzählte er recht detailreich aus seinem Werdegang, angefangen von seiner Kindheit bis zu seinem Berufseintritt. Zum Teil war es für mich widersprüchlich, was er erzählte (später Therapieabbruch der auditiv-verbalen Erziehung*1, aber schon Kontakt zur Gehörlosenwelt in der Realschule in Dortmund*2), aber ich denke, dass diese Brüche und Widersprüche sich häufig in den Biographien von Menschen finden, die ihre Hörschädigung als solche erst spät für sich annehmen (dürfen/können?).

Als Mutter wünsche ich mir, dass ich meinem Kind seinen Weg lassen kann, denn nicht immer ist es das Beste, auf Experten zu hören. Lutz Peppings Mutter wollte auch nur das Beste für ihren Sohn, doch das scheint rückblickend vieles erschwert zu haben. So hatte er als Kind bis zu seinem 16. Lebensjahr wohl keine wirklich eigene Zeit zur Verfügung, war immer unterwegs zu Therapien. Eine davon war die auditiv-verbale Erziehung, die ihn als Gehörlosen zum Sprechen erziehen sollte, damit er in unserer Gesellschaft als Gehörloser nicht auffällt. Wie man sich vorstellen kann, ist das ein unglaublicher Kraftakt. Entsprechend kam ihm im Erwachsenenalter der Kontakt mit der Deutschen Gebärdensprache wie eine Offenbarung vor. Diese und andere Erfahrungen, von denen er berichtete, sind sehr wertvoll für mich als hörende Mutter, denn es zeigt, dass für hörgeschädigte Kinder ein zeitiger Kontakt mit Gebärdensprache viele Hürden von Anfang an gar nicht erst aufbaut.

Was ich mir als Lehrerin wünsche ist, dass Menschen wie Lutz Pepping, die Erfahrungen in der hörenden und in der Gehörlosenwelt haben, die deutsche Bildungswelt anschieben, sich nicht nur mit Hörbehinderung auseinanderzusetzen, sondern auch die Gebärdensprache als vollwertige Sprache (vielleicht als zweite Fremdsprache an Regelschulen) zuzulassen, die Vorteile zu erkennen und damit die Gehörlosenkultur nicht als behindert, sondern als Gewinn für unsere Gesellschaft zu entdecken.

S.Harnisch

*1 Die auditiv-verbale Erziehung (auch auditiv-verbale Therapie oder Methode genannt) beschreibt einen pädagogischen Ansatz, bei dem Menschen und insbesondere Kleinkinder mit Hörbehinderung in ihrem Restgehör und in ihren lautsprachlichen Ausdrucksfertigkeiten geschult werden. (Wikipedia, Mai 2015)
*2 Rheinisch-Westfälische Realschule Dortmund, LWL Förderschule, Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation